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Spanische Hofreitschule & Fiaker – Die differenzierte Wahrnehmung zweier Traditionen

Aktualisiert: 21. März 2023

Seit dem Rauswurf des Oberbereiters & Skandal rund um die Spanische Hofreitschule scheinen sich dunkle Wolken über der berühmten Institutionseinrichtung zusammenzubrauen. Manche bangen gar um die Zukunft der legendären Reitschule, während es andere dem suspendierten Oberbereiter gleichtun und erstmals öffentlich Kritik an der "Spanischen" aussprechen.

Mit Kritik und der Furcht um die eigene Existenz sind sind die Wiener Fiaker schon lange konfrontiert. Nun scheinen diese Themen auch für die bis dato unantastbar wirkende Spanische Hofreitschule zum Problem zu werden. Grund genug uns mit der Frage zu beschäftigen: Warum werden zwei der weltweit bekanntesten Pferde-Institutionen und Kulturgüter so unterschiedlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Die Ansätze dazu könnten kaum unterschiedlicher sein...


Als das Pferd noch gesellschaftlich relevant war: Die Anfänge zweier Wiener Institutionen


Als die Institutionen der Wiener Fiaker und der Spanischen Hofreitschule im 17 Jahrhundert Einzug in die Gesellschaft der Stadt Wien hielt, waren die Aufgaben klar geregelt. Fiaker sorgten für die Mobilität und die Hohe Reitkunst war Bestandteil der Kriegskunst und somit der Spanischen Hofreitschule. Mit dem Lipizzaner wurde ein Karstpferd nach Militärischen Aspekten gezüchtet.


Mit Ende des ersten Weltkrieges und somit dem Verlust des hohen militärischen Stellenwert des Pferdes sicherte die Spanischen Hofreitschule den Fortbestand der Schule, die nun dem Landwirtschaftsministerium unterstellt wurde und auch heute noch ist.

Eineinhalb Jahre nach Kriegsende fand die erste öffentliche Vorführung statt.


Währenddessen haben sich auch die berühmten Wiener Fiaker neu erfunden. Das Auto galt als zukunftssicheres Transportmittel, die Fiaker punkteten nunmehr mit nostalgischen Vergnügungsfahrten und mit ihren legendären Fahrkünsten und Pferde "Know-How". Der zunehmende Wirtschafts- und Reiseboom nach den Kriegen festigte den Status beider Institutionen als Touristenattraktion.



Wirtschaftlichkeit & Pferdewohl – ein Widerspruch?


Durch Bestrebungen zur wirtschaftlichen Optimierung, wurde im Jahr 2001 eine Gesellschaft öffentlichen Rechts „Spanische Hofreitschule – Lipizzaner Gestüt Piber“ gegründet. Eigentümer ist weiterhin der Bund. Ein eigenes Gesetz für die Spanische Hofreitschule legte die Aufgaben, wie die Ausübung und Bewahrung der Hohen Schule der klassischen Reitkunst sowie die Fortführung der traditionsgemäßen Zucht der Lipizzaner fest.

Zeitgleich zu der Neuausrichtung der Spanische Hofreitschule (SRS) wurden die rund 20 Betriebe der Wiener Fiaker einem immer höheren medialen Druck ausgeliefert. Fragwürdige Tierschutzorganisationen mit noch fragwürdigeren Mitteln, erkannten die Wiener Fiaker als neues Zugpferd zur Beschaffung von Geldmitteln.


Der Tierschutz war auf einmal eine „campaigning action“ und das tägliche Diskreditieren der Fiaker an der Tagesordnung. Zumal diese an jedem frequentierten Platz der Stadt gut sichtbar sind. Der Hintergrund dazu ist, dass sich Tierschutzorganisationen auf die Fahnen heften wollen, dass keinerlei Tiere zur Unterhaltung verwendet werden dürfen.

Foto: Anke Licht


Und hier kreuzen sich die Wege der Wiener Fiaker und der Spanischen Hofreitschule. Denn auch lange nachdem das Pferd wichtiger Bestandteil der Mobilität war und lange nachdem das Pferd mit dem Menschen in den letzten Krieg gezogen ist, waren es stets passionierte Pferdemenschen, welche die hohe Kunst und das Handwerk des Reitens und Kutschefahren mühevoll mündlich sowie praktisch an die nächsten Generationen überlieferten.



"Das eine ist Kunst, das andere kann weg..."

Mit einem System der offenen Stalltüre und der Umsetzung des strengsten Tierschutzgesetzes für Pferde im Gewerbe weltweit, wurde 2016 eine riesige Fiaker-Reform eingeleitet. Die Standhaltung wurde verboten, Aufzeichnungspflicht der Einsatzzeit in Form von Fahrtenbüchern dokumentiert die Arbeitszeiten der Fiakerpferde. Koppeln, verbesserte Ausbildung von Pferd und Mensch und ein verantwortlicher Umgang mit dem Wissen von Generationen von Fiakern prägt heute das Bild der wenigen Unternehmer, die es in Wien noch gibt.


Trotz dem offenen Umgang mit Kritik und dem Widerlegen von Falschmeldungen wurde den Fiakern die Aufnahme durch das ständige Störfeuer der Tierschutz Kampagnenleiter in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit verweigert. In diese Liste kam jedoch die Spanische Hofreitschule. Das Wissen um die Lipizzanerzucht wurde am 1.12.2022 in die Repräsentative UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Die Aktualität der Dienstfreistellung des erfahrensten Oberbereiter, Andreas Hausberger, hat nun jedoch einen ganzen Eisberg in der Spanischen Hofreitschule freigelegt.


Während sich die Tradition der Wiener Fiaker ständig mit unsachgemäßen Argumenten unter unbegründeten Dauerbeschuss befindet, traut sich einer der letzten verbliebenen Pferdekenner Missstände innerhalb der Spanischen Hofreitschule beim Namen zu nennen. Zu langer Einsatz von Pferden, Medikamentenabgabe zur Schmerzlinderung, zu schwere Aufgaben für Pferde, die das Ausbildungsniveau noch nicht haben und zu wenig Ruhephasen für die Pferde. Koppelgänge im 1 Bezirk? Fehlanzeige!



Kritik: Eine Frage der Wahrnehmung?


Mit seinem offenen Worten hat sich Oberbereiter Hausberger selbst wohl massiv geschadet aber zugleich ein Zeugnis dafür abgelegt, wofür verantwortungsvolle Pferdemenschen stehen. Das Entsetzen über diese Kritik hat jedoch die differenzierte Wahrnehmung von Fiakern und der Spanischen Hofreitschule verdeutlicht und woher diese kommt.


Die Spanische Hofreitschule steht im Vergleich zu den Fiakern beinahe ausnahmslos positiv in der Öffentlichkeit. Interne Kritik trat bis dato noch nie nach außen. Kritik von außen gibt es kaum, denn wer die Lipizzaner sehen möchte, muss schließlich ein Ticket kaufen oder an einem geführten Rundgang teilnehmen. Fotos und gar Videos sind dabei streng untersagt. Ein Besuch in der Reitschule setzt also zum einen eine Art positive Absicht voraus, zum anderen hat man sich als Gast an strikte Hausregeln zu halten.



Fiaker als Schutzschild vor Kritik


Die Fiaker hingegen sind für alle täglich an den wichtigen Knotenpunkten der Altstadt zu sehen. Egal wie man zu ihnen steht, egal ob man selbst Pferde affin ist oder noch nie einem Pferde nahe gekommen ist. Durch die permanente Sichtbarkeit bleibt viel Raum für Spekulationen und Vorurteile. Schließlich bekommt man als Passant keinen halbstündigen Vortrag rund um die Fiakerpferde und deren Alltag, wenn am Stephansplatz entlang schlendert. Alles kann, darf, wird gefilmt oder fotografiert und ungefragt veröffentlicht – unabhängig von jeglicher positiver oder negativer Absicht.

Während die Spanische Hofreitschule genauso wie der professionelle Rennsport in einem von ihnen selbst gefilterten Kosmus fernab der breiten Öffentlichkeit und Massenmedien existieren kann.


Doch der zunehmende Druck auf Transparenz und Negativbeispiele wie Reiter die bei Olympia auf ihre Tiere einschlagen, lassen einige kritische Frage offen: Wie lange kann sich die hohe Reitkunst und der Sport noch so erfolgreich schützen oder gar hinter den Fiakern verstecken? Gäbe es hier eventuell gemeinsame Ansätze mit öffentlicher Kritik umzugehen? Denn schließlich haben beide Institutionen zwei Dinge gemeinsam: Die Liebe zum Pferd und der Tradition.



Frei nach dem Text von Herrn KommR. Manfred Rieger (Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger)

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