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"Phänomen" Kreuzschlag bei Pferden – (K)eine Fiakerkrankheit?!

Am 15. November 2021 ereignete sich ein hässlich-anzusehender und dramatischer Vorfall am Wiener Stephansplatz. Ein Fiakerpferd ging zu Boden und musste anschließend in das Tierspital gebracht werden. Nach eingehender Tierärtzlicher Diagnostik steht inzwischen fest, dass der Zusammenbruch durch einen sogenannten "Kreuzschlag" (Rhabdomyolyse) ausgelost wurde. Das Pferd befindet sich einstweilen ausser Gefahr und auf dem Weg der Besserung. Doch viele – grade Nicht-Pferde-Besitzer – können mit dem Begriff Kreuzschlag nichts anfangen. Was ist eigentlich ein Kreuzschlag? Wodurch wird er ausgelöst? Und sind tatsächlich Fiakerpferde übermäßig häufig davon betroffen und was hat Corona damit zu tun?
Mit diesen Fragen werden wir uns in diesem Artikel auseinandersetzen.


Was ist ein sogenannter "Kreuzschlag" und wie entsteht er?

Beim "Kreuzschlag" handelt es sich um eine Muskelerkrankung des Pferdes, die bei allen Rassen und Arten von Pferden auftreten kann. Oft wird diese Krankheit auch als "Montagskrankheit" oder "Feiertagskrankheit" bezeichnet, was gleichzeitig auch schon einen Hinweis auf den Auslöser gibt. Denn die Erkrankung tritt zumeist als Folge einer längeren vorangegangenen Ruhepause in Kombination mit übermässig kohlenhydratreicher Fütterung auf.


Aber wie kann man sich das konkreter vorstellen? Ganz einfach, bald stehen ja die Weihnachtsfeiertage an. Wir bewegen uns alle weniger und essen viele Weihnachtskekse – der Mensch setzt Fett an und gerät aus der Form.

Nun ist das bei Pferden ein wenig anders. Pferde lagern den Speicherstoff Glykogen (grade bei übermäßig kohlenhydratreicher Kost) im Muskelgewebe. Durch zu wenig und zu unregelmäßige Bewegung, etwa auf der Weide oder im Stall, kann das Glykogen nicht gleichmäßig abgebaut werden und reichert sich an. Wird das Pferd nun wieder vor eine Kutsche gespannt oder beritten, kommt es akut zu einem Abbau des Glykogen, dabei entsteht Laktat. Es steht wiederum nicht ausreichend Sauerstoff zur Verfügung, um dieses abzubauen. Das führt dazu, dass der Muskel massiv übersäuert und im schlimmsten Fall sogar versagt. Im leichten Fall ist das vergleichbar mit einem massiven Muskelkater – im schlimmsten Fall werden durch die auftretenden Krämpfe Muskelfasern komplett zerstört. Zudem kommt es zum Abbau von Myoglobin, einem Protein, das für die Speicherung von Sauerstoff im Muskel zuständig ist. Dies wird über die Nieren ausgeschieden, was zu einer braunen Verfärbung des Urins führt (Myoglobinurie). Dies kann im schlimmsten Fall schließlich sogar zum Nierenversagen und zum Tod führen.


Das fatale bei einem Kreuzschlag ist, dass er fast immer akut und ohne für den Kutscher/Reiter vorangegangene Symptome und in Bewegung auftritt. Eine Konsultation des Tierarztes ist dabei meist unumgänglich – bis dieser das Pferd mit Infusionen und der nötigen Therapie versorgt, kann der Besitzer es eigentlich nur möglichst ruhig und warm halten. Da die Reaktion im Muskel unmittelbar von Bewegung abhängt, sollte das Pferd möglichst nicht mehr bewegt werden, um die Situation nicht zu verschlimmern. In leichteren Fällen reicht eine im Stall verabreichte Infusion und die Gabe eines Mittels, das den Abbau von Laktat begünstigt. In schweren Fällen ist ein Aufenthalt in der Klinik mit intensiver Überwachung unumgänglich. Die Ursachen für einen Kreuzschlag können dabei unterschiedlich sein – neben Bewegungsmangel sowie unregelmäßiger Belastung kommen auch genetische Prädispositionen sowie Selen und Vitamin E Mangel in Frage.



Symptome bei Kreuzschlag:


  • starkes Schwitzen

  • erhöhte Atemfrequenz

  • Muskelzittern

  • steifer Gang

  • Lahmheit

  • Bewegungsunfähigkeit

  • Zusammenbruch

  • braun verfärbter Urin

Fiakerpferd bei einem Kreuzschlag



Betrifft diese akute Erkrankung überwiegend Fiakerpferde – nachdem in diesem Jahr einige Fälle vorgefallen sind?

Laut umfassenden wissenschaftlichen Quellen zählt der "Kreuzschlag" zu einer der häufigsten Erkrankungen bei Pferden überhaupt (ca. 53% aller zu behandelnden Pferdeerkrankungen). Alleine anhand dieser Zahl kann nachgewiesen werden, dass diese Krankheit statistisch gesehen sogar verhältnismäßig selten bei Fiakerpferden auftritt. In diesem Jahr gibt es zwei dokumentierte Fälle (2. Juli 2021 am Michaelerplatz, 15. Nov. 2021 am Stephansplatz), im Jahr 2020 sowie in den Jahren davor gibt es nicht einen öffentlich dokumentierten Fall. Im Vergleich dazu unterliegen viele Freizeitpferde wesentlich stärkerem Bewegungsmangel und vor allem größeren Bewegungsschwankungen, was das Auftreten eines Kreuzschlags deutlich begünstigt. Auch der Deutsche Tierarzt Dr. Owschlag dokumentiert, dass viele privat und auf Weiden gehaltene Pferde von Kreuzschlägen betroffen sind – häufig sogar mehrmals in ihrem Leben und die Mortalitätsrate liegt unterschiedlichen Quellen zufolge bei 17-40%. Zudem zeigen Statistiken, dass heute in Deutschland viermal mehr Pferde leben als noch vor 20 Jahren – wobei 98% Prozent aus reinem Vergnügen und Hobby gehalten werden, weshalb wohl davon auszugehen ist, dass durch unregelmäßiges Ausreiten oder Bewegungsarbeiten das Risiko eines Kreuzschlags im Normalfall steigt – schließlich haben die wenigsten ReiterInnen die Zeit ihre Pferde täglich zu beschäftigen.


Ein bereits leicht schwitzendes Pferd, dessen Muskulatur beginnt zu versagen – während des Kreuzschlags (Foto: Lena Junker, fundis-reitsport.de)



Die beiden Kreuzschlägen im Jahr 2021 scheinen im Bereich der Fiakerpferde dabei in unmittelbarem Zusammenhang mit der anhaltenden Corona-Pandemie zu stehen. Für Fiaker-Pferdebesitzer ist es aufgrund des ungewohnt niedrigen Geschäftsaufkommens die größte Herausforderung, die muskulär gut trainierten Pferde ausreichend zu bewegen. Auch wenn wir alle durch die Pandemie beeinträchtigt sind, darf diese nicht als Universal-Ausrede angewandt werden. Denn jeder Tierhalter ist bis zu einem gewissen Grad für die körperliche und geistige Gesundheit seiner Tiere mitverantwortlich. Fakt ist, dass sich Kreuzschläge in jedem privaten Reitstall, auf der Koppel, beim Ausritt, auf der Rennbahn und unter unterschiedlichsten Umständen ereignen. Der erhebliche Unterschied liegt darin, dass Fiakerpferde durch ihre tägliche Tätigkeit in der Öffentlichkeit exponiert sind. Wodurch diese der ungefilterten öffentlichen Kritik ausgesetzt sind.


"So ein Vorfall (Kreuzschlag) ist für alle Seiten tragisch und schmerzhaft, für das Pferd und den Besitzer. Niemand wünscht sich, dass soetwas mit seinem Arbeitskollegen oder Freund passiert. Schmerzhaft ist allerdings auch die unverhältnismäßige Kritik der die Fiaker in solchen Fällen ausgesetzt sind. Denn diese ist großteils anstandslos formuliert und hält zudem keinen wissenschaftlichen Überprüfungen stand. Ich würde mir also wünschen, dass solche Dinge in erster Linie sachlich und von Fachleuten, Experten richtig eingeordnet werden." – Marco Pollandt, www.fiaker.info

Bleibt nur nochmals zu betonen, dass selbstverständlich jeder Pferdehalter für das Wohl und die Gesundheit seiner Pferde mitverantwortlich ist und für diese nach bestem Gewissen sorgen muss. Durch sämtliche gesetzliche Rahmenbedingungen und dem gewissenhaften Zutun ist gelebter Tierschutz in der Fiakerei stets garantiert. Dadurch werden Fiakerpferde für gewöhnlich überdurchschnittlich alt. Da jede Erkrankung individuell betrachtet werden muss, können Vorfälle allerdings nie zur Gänze ausgeschlossen werden. Wichtig ist: Als Pferdehalter richtig zu handeln, in jedem Fall Verantwortung zu übernehmen, zur restlosen Klärung jedes Zwischenfalls beizutragen und in Zukunft noch enger mit den Veterinären sowie den zuständigen Magistraten zu kooperieren.




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